Moulagen sind bis heute dreimensionale Botschafter
Bonner Moulagensammlung ist eine der größten in Deutschland




Das Aktuelle Objekt aus den Museen und Sammlungen der Universität stammt diesmal aus der Moulagen-Sammlung der Universitätshautklinik. Das Objekt klärt über die Syphilis auf, an der inzwischen wieder mehr Menschen erkranken.

Wie alle Moulagen ist auch das aktuelle Objekt eine Wachsnachbildung. Hier stellt die Moulage einen erkrankten jungen Mädchenmund dar, damit dieser Mund näher studiert werden kann. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Moulage neben der Textdokumentation das Medium erster Wahl, um Hauterkrankungen in Farbe und in drei Dimensionen naturgetreu zu vermitteln.

Das aktuelle Objekt aus der Bonner Moulagensammlung zeigt Lippen eines Mädchens, die mit zwei offenen Stellen bedeckt sind. Die Patientin lebte vor etwa 100 Jahren und war an der Syphilis erkrankt. Damals war die Syphilis neben der Tuberkulose eine weit verbreitete Erkrankung. Sie wird durch das Bakterium Treponema pallidum ausgelöst. Das erste Stadium der Erkrankung, der sogenannte Primäreffekt, zeigt das Objekt. Die offenen Stellen sind einmal mit Kruste zu sehen und einmal nach Entfernung der Kruste zu sehen, eine Moulage also, die einen Vorher-Nachher Zustand zeigt.

Aktuelles Objekt informiert über aktuell wieder auftretende Erkrankung: die Syphilis.

Die Aktualität des Objektes ist der Tatsache geschuldet, dass die Syphilis seit einigen Jahren wieder auf dem Vormarsch ist. Laut dem Robert-Koch-Institut lag 2012 die Zahl der Neuerkrankungen bei 4.410 Fällen in Deutschland, das sind etwa 20% mehr als im Vorjahr. Knapp 4 von 5 aller in Deutschland gemeldeten Syphilis-Fälle werden über sexuelle Kontakte zwischen Männern übertragen, wie das Epidemiologische Bulletin in der Ausgabe 44/2013 meldet.

Eine Infektion entsteht durch den Kontakt einer kleinen verletzten Haut- bzw. Schleimhautstelle mit dem Bakterium. Je nachdem, wo diese Stelle ist, entsteht dort der Primäraffekt. Das ist eine kleine, schmerzlose offene Stelle, die von selbst wieder verheilt. Das ist heimtückisch, denn die Erkrankung geht unbehandelt auf diese Weise nach einigen Wochen in das zweite Stadium über. Im zweiten Stadium der Erkrankung kann alles mögliche geschehen: Ausschläge, geschwollene Lymphknoten, offene Stellen - nur Jucken wird eine Syphiliserkrankung niemals. Deshalb wird die Syphilis auch "die große Lügnerin" genannt. Da die Syphilis nach Entdeckung des Penicilins rasant zurückging, denken heute viele Ärzte als Differentialdiagnose nicht mehr an eine Syphilis.Hier bietet die Moulagensammlung mit über 300 Syphilismoulagen großes Anschauungsmaterial. Wird die Syphilis weiterhin nicht erkannt, tritt das dritte Stadium ein und auch Nerven können befallen werden. Letztlich kann die Erkrankung unerkannt nach einiger Zeit zum Tode führen. Erkennt man die Syphilis aber, so kann man sie gut mit Penicilin behandeln.

Sammlung umfasst über 1000 Objekte und ist über hundert Jahre alt.

Die Moulagen – mögen die Objekte auch schon vergleichsweise alt scheinen – sind immer noch in den gezeigten Erkrankungen aktuell und bieten den heutigen Studenten wieder die Chance, in „3D“ das Krankheitsbild kennen zu lernen. So war es schon gedacht als die ersten Moulagen an der Bonner Hautklinik 1910 entstanden. Die Bonner Moulagen-Sammlung wurde im Jahr 1910 von Prof. Dr. Erich Hoffmann, dem Entdecker des Syphiliserregers, gegründet. Welche Etappen sich in der Sammlungsgeschichte der letzten 100 Jahre ereignet hat, erforscht derzeit die Ärztin und Kuratorin der Sammlung, Béatrice Bieber in ihrer Doktorarbeit. Nach der Sammlungsbetreuung durch Professor Bauer, kümmert sie sich seit 2011 um die präventive Konservierung, um die Restaurierung sowie um eine neue, didaktisch sinnvolle Hängung, damit die Objekte sinnvoll weiterhin und auf neue Weise in Studium und Lehre integriert werden können. Die Sammlung umfasst über 1000 Objekte und ist damit eine der größten in Deutschland.

Im Video unter http://youtu.be/wUxmz67NXOk erklärt die Kuratorin der Sammlung, Beatrice Bieber, was dem jungen Mädchen-Mund geschehen war.

Einzel- oder Gruppen-Führungen können bei Beatrice Bieber angefragt und vereinbart werden.

Kontakt:
Béatrice Bieber
beatrice.bieber@t-online.de


Bilder:
Der Abdruck im Zusammenhang mit der Nachricht ist kostenlos, dabei ist der angegebene Bildautor zu nennen.

Diese Lippen sind nicht echt.
Es sind Wachsabformungen. Das Namensschild, oben rechts im Bild, nennt die Moulageurin, hier: Anna Kleinschmidt. Es ist nicht der Name der Patientin.
(c) Beatrice Bieber / Johanna Lang 2014
http://www3.uni-bonn.de/Pressemitteilungen/011-2015

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