Ein gerader Rücken dank mitwachsender Implantate
Neue schonende Methode bei kindlicher Skoliose erspart Folgeoperationen




Nour leidet unter einer Skoliose. Hilfe fand die Zehnjährige aus Libyen jetzt am Universitätsklinikum Bonn. Mit einer neuen Methode richteten Orthopäden ihre seitlich stark verkrümmte Wirbelsäule auf. Der Clou ist, dass die zwei implantierten Magnetstäbe von außen der Länge der Wirbelsäule angepasst werden können und so quasi mitwachsen. Dem jungen Mädchen bleiben Folgeoperationen erspart. Die Methode wendeten die Orthopäden erstmals in Bonn an - und das mit Erfolg.


Mit vier Jahren wurde bei Nour eine Skoliose festgestellt. Die Ursache ist unbekannt. Die seitliche Biegung ihrer Wirbelsäule wurde mit der Zeit immer schlimmer und hatte zum Schluss einen Winkel von 40 Grad. Doch auch eine einjährige Behandlung in Tunesien mittels Korsett half der Zehnjährigen nicht. Hoffnungsvoll kam ihr Vater mit Nour nach Bonn.

„Hochgradige Skoliosen wie bei unserer Patientin sind nicht allein ein kosmetisches Problem“, betont Privatdozent Dr. Robert Pflugmacher, Leitender Oberarzt und Leiter der Wirbelsäulenchirurgie an der Bonner Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie. Während des Wachstums nimmt die seitliche Biegung der Wirbelsäule weiter zu. Durch eine einseitige Abnutzung der Wirbelsäule haben die Betroffenen langfristig chronische Rückenschmerzen und sind durch eine immer stärker ausgeprägte Versteifung zunehmend in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt. Zudem kann es zu Beeinträchtigungen der Lungenfunktion und einem Rippenbuckel kommen.

Frühzeitige Operation im Kindesalter senkt Langzeitprobleme

Da die Korsett-Therapie nicht half, schlug Pflugmacher Nours Vater die neue Eingriffs-Methode als Option vor: „Damit können wir Kinder operieren, die noch im Wachstum sind. Zumal die Deformität im Kindesalter viel besser korrigierbar ist, da die Wirbelsäule der Betroffenen noch beweglich ist.“ Über zwei kleine Schnitte am Rücken implantierte der Bonner Orthopäde zwei Titan-Stäbe so dick wie ein Bleistift parallel zur Wirbelsäule. Dabei war er sehr vorsichtig, um die Muskeln nicht zu verletzten.

An den entgegensetzten Enden der ausziehbaren Stäbe befindet sich jeweils eine Induktionsspule. So kann deren Länge alle zwei bis drei Monate mittels eines externen Magneten dem Wachstum ihrer Wirbelsäule angeglichen werden. „Die Stäbe wachsen quasi mit. Das erspart Nour zwei Operationen pro Jahr, die sonst so lange sie wächst nötig wären“, sagt Pflugmacher.

Kurze und schmerzlose Stab-Verlängerung ohne Narkose

Das Prozedere dauert nicht mehr als fünf Minuten und ist für die Zehnjährige schmerzlos. Eine Fernsteuerung wird auf ihren Rücken platziert. Per Knopfdruck rotieren darin zwei externe Magnete und ziehen so die Teleskopspitzen mit der Magnetspule nacheinander aus. Ein Display zeigt jeweils an, wenn die gewünschte Verlängerung erreicht ist. Nach anschließender Röntgenerfolgskontrolle ist Pflugmacher mit dem Ergebnis dieser ersten Nachfolgebehandlung etwa drei Monate nach dem Eingriff sehr zufrieden: „Alles läuft wie geplant. Wenn Nour dann später ausgewachsen ist und sich die Wirbelsäule stabilisiert hat, entfernen wir die Stäbe wieder. Anders als bei einer Operation im Jugendlichen- oder Erwachsenenalter versteifen wir die Wirbelsäule nicht.“

Nach acht Monaten in Deutschland, heißt es jetzt für Nour erst einmal wieder nach Hause fahren zu können. Auch wenn die fünfjährige Schwester ihr hier in Bonn die Zeit als Spielkameradin erleichtert hat, ist das Heimweh nach dem Rest der Familie doch sehr groß. So hilft es allen, wenn es jetzt so schnell wie möglich in die Heimat geht.

Kontakt für die Medien:
Privatdozent Dr. Robert Pflugmacher
Leiter Schwerpunkt Wirbelsäulenorthopädie
Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie
Universitätsklinikum Bonn
Telefon: 0228/287- 14176
E-Mail: Robert.Pflugmacher@ukb.uni-bonn.de

Bilder:
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Ein erfolgreicher Eingriff
Pflugmacher (re) mit seiner Patientin Nour und ihrem erleichterten Vater
© Katharina Wislsperger / UKB
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