Was bringt eine Impfpflicht bei Masern?
Derzeit erlebt Deutschland den schlimmsten Masern-Ausbruch seit Jahren.




Der Masernausbruch in Berlin zeigt: Vom Ziel der Ausrottung dieser Erkrankung sind wir noch weit entfernt. Masern sind hochansteckend und werden als Tröpfcheninfektion übertragen. Die Impfung nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) stellt die beste Vorbeugungsmöglichkeit gegen die Masern dar. Der möglichst umfassende Einsatz der Impfung kann nicht nur den erfolgreich geimpften Menschen, sondern auch denjenigen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, Schutz vor dieser keineswegs harmlosen Kinderkrankheit bieten: Sobald ca. 95 Prozent aller Menschen vor den Masern geschützt sind, kommt es bei Eintrag des Masernvirus in die Bevölkerung nicht mehr zur Übertragung, da die oder der Erkrankte mit ausreichend hoher Wahrscheinlichkeit nur noch auf immune Personen trifft. Dr. Ernst Molitor, Akademischer Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Parasitologie am Universitätsklinikum Bonn, hält eine Impfpflicht trotzdem für den falschen Weg: „Mir wäre es lieber, die Eltern von den individuellen Vorteilen einer Impfung überzeugen zu können. Denn nur durch Aufklärung und Überzeugungsarbeit verhindert man steigende Dunkelziffern nicht geimpfter Kinder und erreicht die benötigte Impfrate von 95 Prozent.“


Der Verlauf ist zunächst bei allen Erkrankten ähnlich, der Schweregrad der Folgeschäden varriert allerdings. Acht bis zehn Tage nach der Ansteckung beginnt das Prodromalstadium mit Fieber, Konjunktivitis, Schnupfen, Husten und den charakteristischen weißlichen Flecken an der Mundschleimhaut (Koplik-Flecken). In dieser Phase ist der Erkrankte schon ansteckend. Drei bis sieben Tage nach Beginn der Symptome entsteht der typische Hautausschlag, meist zuerst im Gesicht und hinter den
Ohren, der sich rasch ausbreitet.

Bei den Erkrankten kann es komplizierend zu Mittelohr- oder Lungenentzündungen kommen. Bei etwa einem von tausend Masernkranken tritt eine akute Entzündung des Gehirns (Enzephalitis) auf. Die Sterblichkeit liegt bei ca. 1:1000, kann aber bei hoher Infektionsdosis, Immundefizienz oder Mangelernährung deutlich höher sein. Das Ziel muss nach Dr. Molitor deshalb unbedingt lauten, die Masern nicht nur in Deutschland sondern weltweit auszurotten. Denn natürlich ist die Sterblichkeitsrate
in Entwicklungsländern aufgrund schlechter Versorgung im medizinischen und im Ernährungsbereich deutlich höher.

Bei vier bis elf von 100.000 Masernerkrankten kommt es sechs bis acht Jahre nach der Masernerkrankung zu einer zerstörerischen Erkrankung des Gehirns, der subakuten sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE), die stets zum Tode führt. Das Risiko, an dieser seltenen Spätkomplikation der Masern zu erkranken, ist bei einer Masernerkrankung vor dem fünften Lebensjahr deutlich höher. Die irreführend harmlose Bezeichnung „Kinderkrankheit“ ergibt sich übrigens daraus, dass sich vor Einführung der Masernimpfung vor einigen Jahrzehnten fast ausnahmslos alle Menschen bereits im Kindesalter mit den Masern angesteckt haben. Es ist ein Segen, dass Dank der Impfung das Gros der früher zu beklagen gewesenden Masernfolgen vermieden werden kann.

Kontakt:

Dr. med. Ernst Molitor
Oberarzt, Akademischer Direktor Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Parasitologie
Telefon: 0228/287-11621
E-Mail: Ernst.Molitor@ukb.uni-bonn.de

Prof. Dr. Anna Maria Eis-Hübinger
Institut für Virologie
Telefon: 0228/287-15881
E-Mail: Anna-Maria.Eis-Huebinger@ukb.uni-bonn.de