Tierbilder reizen die „Grauen Zellen“ besonders stark
Bonner Hirnforscher finden Hinweis auf uralten Mechanismus im menschlichen Gehirn



Epileptologen der Universität Bonn haben in einer Studie mit 41 Epilepsiepatienten die Aktivität einzelner Nervenzellen beobachtet und fanden dabei Hinweise auf einen uralten Jagd- und Schutzreflex. Die Gehirne ihrer Probanden reagierten nämlich besonders Intensiv auf Bilder von Tieren, während Personen, Landschaften und Gegenstände wesentlich weniger Reaktionen der „grauen Zellen“ hervorriefen. Ihre Ergebnisse haben die Hirnforscher jetzt in der angesehenen Fachzeitschrift Nature Neuroscience veröffentlicht. Neben Bonner Wissenschaftlern waren auch Forscher aus den USA, Großbritannien, Israel und Korea an dem Vorhaben beteiligt.


In der Klinik für Epileptologie des Universitätsklinikums Bonn suchen viele Epilepsiepatienten Hilfe, bei denen eine medikamentöse Behandlung ihrer Erkrankung nicht zum Erfolg geführt hat. Um den Anfallsherd genau zu orten, pflanzen die Bonner Ärzte ihren Patienten routinemäßig Elektroden ins Gehirn und zeichnen die Aktivität während epileptischer Anfälle auf. Ist das Hirnareal entdeckt, das die Anfälle auslöst, kann es, sofern keine lebenswichtigen Funktionen gefährdet sind, in einem hirnchirurgischen Eingriff entfernt werden.

Die eingepflanzten Sensoren zeigen aber nicht nur die Quelle epileptischer Anfälle, sondern auch andere Gehirnaktivitäten. Wissenschaftler können über diese direkte Verbindung ins Gehirn praktisch den „grauen Zellen“ bei der Arbeit zusehen – eine Chance, die in Bonn seit langem für die Hirnforschung genutzt wird, indem man den Betroffenen Texte und Bilder zeigt und dann die darauf folgenden Gehirnaktivitäten beobachtet. Viele Patienten stellen sich gerne auf diese Weise in den Dienst der Wissenschaft.

Tierbilder lösen hohe Aktivität aus

In der vorliegenden Studie wurden 41 Epilepsiepatienten Bilder von Tieren, Personen, Landschaften oder Gegenständen gezeigt. Sie fanden dabei Aktivität vor allem in der Amygdala, eine auch als „Mandelkern“ bezeichnete Hirnregion des Menschen, die mit der Verarbeitung von Emotionen in Zusammenhang steht und die in beiden Gehirnhälften vorhanden ist. Während die Patienten die Fotos betrachteten, untersuchten die Wissenschaftler über die zur Diagnostik implantierten Elektroden die Aktivität der Nervenzellen im Gehirn. „Wir beobachteten, dass die rechte Amygdala häufiger, stärker und schneller auf Tierbilder reagiert als auf andere Bilder“, berichtet der Leiter des Forschungsprojekts, Privatdozent Dr. Dr. Florian Mormann. Die übrigen Fotos ließen die rechte Amygdala weitgehend „kalt“, die linke Amygdala blieb während der Versuche ohne Aktivität.

Dass auch gesunde Patienten beim Betrachten von Tierbildern so reagieren, überprüften Mormann und sein Team mit Hilfe der funktionellen Kernspintomographie. Damit konnten sie auch bei gesunden Probanden die Aktivierung der rechten Amygdala durch Tierbilder nachweisen. Darüber hinaus fanden sie, dass dieses Phänomen unabhängig vom den emotionalen Inhalten der Bilder besteht und bei „niedlichen“ Tieren genauso funktioniert wie bei Tieren, die nicht besonders attraktiv auf den Betrachter wirken.

Auch wenn sie die genaue Funktion dieser Nervenzellen noch nicht kennen, vermuten die Wissenschaftler, im Gehirn auf einen uralten Mechanismus gestoßen zu sein, der für das Überleben wichtig war. Demnach war der Anblick von Tieren auf jeden Fall von besonderer Bedeutung für unsere Vorfahren. Mormann sagt: „Die Amygdala ist evolutionsgeschichtlich eine sehr alte Struktur, und die rechte Hirnhälfte hat sich früh auf die Verarbeitung biologisch relevanter Reize spezialisiert. Der Anblick eines Tieres, das ein potentieller Angreifer oder aber eine fette Beute sein konnte, war sicherlich so ein besonderer Reiz.“

Publikation: A category-specific response to animals in the right human amygdale, Florian Mormann et al., Nature Neuroscience, http://www.nature.com/neuro/ (online ab 28. August 2011)


Kontakt:
Priv.-Doz. Dr. med. Dr. rer. nat. Florian Mormann
Klinik für Epileptologie der Universität Bonn
E-Mail: fmormann@yahoo.de (derzeit im Ausland)