Simulierte Vireninfektion könnte Hautkrebs bekämpfen
Forscher aus Bonn und München wollen den Teufel mit dem Beelzebub austreiben




Forscher der LMU München und der Universität Bonn haben ein Verfahren entwickelt, das Krebszellen in den Selbstmord treibt. Dazu haben sie synthetische Erbinformation von Viren in Hautkrebszellen eingeschleust, die sich daraufhin selbst vernichteten. Im Tierversuch konnten die Forscher zeigen, dass das neue Verfahren Hautkrebs-Metastasen in der Lunge erfolgreich bekämpft. Möglicherweise könnte es daher als Grundlage für neuartige Krebstherapien genutzt werden (Journal of Clinical Investigation, 20. Juli 2009).


Hautkrebs ist weltweit auf dem Vormarsch: Wichtigster Auslöser sind Schäden der Haut durch starke und anhaltende Sonnenstrahlung, aber auch genetische Faktoren spielen eine Rolle. Werden die bösartigen Veränderungen nicht frühzeitig erkannt und vollständig entfernt, ist die Gefahr einer Metastasenbildung sehr hoch. Besonders problematisch ist zudem, dass die Tumoren weitgehend resistent sind gegenüber einer Bestrahlungs- oder Chemotherapie. Dabei verfügt der Körper über Schutzmechanismen, die geschädigte Zellen erkennen und reparieren – oder aber sie eliminieren.

Dr. Robert Besch von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München hat die Studie geleitet. „Wenn etwa die Erbsubstanz irreparabel beschädigt ist, wird bei der betreffenden Zelle normalerweise der programmierte Selbstmord eingeleitet“, sagt der Privatdozent. „Die Apoptose schützt also den Körper vor potentiell gefährlichen Zellen.“ Bei Krebs ist dieses Programm außer Gefecht gesetzt.

Wenn der Körper dagegen Viren erkennt, die nur ihre nackte Erbinformation in die Körperzellen einschleusen, wird in den infizierten Zellen Apoptose eingeleitet. „Wir wollten die Mechanismen der Virenabwehr zur Bekämpfung von Tumoren einsetzen“, erläutert Professor Gunther Hartmann von der Universität Bonn. „Dazu haben wir künstlich hergestelltes Viren-Erbgut wie ein Arzneimittel eingesetzt.“ Diese sogenannte Triphosphat-RNA besitzt charakteristische chemische Merkmale, mit deren Hilfe der Körper eine Virusinfektion identifizieren und bekämpfen kann. Gegenüber intakten Viren bot die synthetische RNA den Vorteil, dass sie sich nicht im Körper ausbreiten und vermehren kann.

Wirksam war sie dennoch: Sie verleitete Hautkrebszellen zum sofortigen programmierten Selbstmord. Gesunde Zellen blieben dagegen verschont. „Wir konnten beobachten, dass alle Zellen als Antwort auf die künstliche Viren-RNA vermehrt Proteine produzierten, die normalerweise die Apoptose einleiten“, berichtet Besch. „Das Spannende daran ist, dass ein Protein namens Bcl-xL in gesunden Zellen – und nur dort – den programmierten Zelltod verhindert hat.“ In der Studie, die von der Deutschen Krebshilfe und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde, verringerten sich im Tierversuch die Tumoren in Größe und Masse deutlich.

Zusätzlichen Schub erfährt dieser therapeutische Ansatz durch einen weiteren wichtigen Akteur, der durch Virus-RNA auf den Plan gerufen wird: „Tumoren sind oft im Körper quasi unsichtbar und werden nicht angegriffen“, sagt Privatdozent Dr. Simon Rothenfusser von der Medizinischen Klinik Innenstadt der LMU. „Unsere Versuche zeigten, dass die Behandlung mit Virus-RNA dazu führte, dass die Melanomzellen vom Immunsystem wieder erkannt werden. Die Körperabwehr konnte dann die restlichen Tumorzellen als Fremdkörper identifizieren und angreifen“, ergänzt Dr. Hendrik Poeck vom Klinikum rechts der Isar, München.

„Dank seiner kombinatorischen Wirkung ist dies ein viel versprechender Ansatz für eine neue Therapie des malignen Melanoms und möglicherweise auch für andere Krebserkrankungen“, meint Besch. „Bis die neue Methode auch an Patienten getestet oder tatsächlich in der Krebstherapie eingesetzt werden könnte, sind zunächst aber noch ausführlichere Forschungsarbeiten nötig.“ Die Untersuchung wurde in enger Zusammenarbeit der Dermatologischen Klinik mit der Abteilung für Klinische Pharmakologie der LMU und dem Institut für Klinische Chemie und Pharmakologie des Universitätsklinikums Bonn durchgeführt. Sie wurde unter anderem im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs 1202 „Oligonukleotide in Zellbiologie und Therapie“ unterstützt. (LMU)

Publikation: „Proapoptotic signaling induced by RIG-I and MDA-5 results in type I interferon–independent apoptosis in human melanoma cells”; Robert Besch, Hendrik Poeck, Tobias Hohenauer, Daniela Senft, Georg Häcker, Carola Berking, Veit Hornung, Stefan Endres, Thomas Ruzicka, Simon Rothenfusser, Gunther Hartmann; The Journal of Clinical Investigation, Band 119 (8), 20. Juli 2009 (online); 1. August 2009 (Print); DOI: 10.1172/JCI37155


Ansprechpartner:
Professor Dr. Gunther Hartmann
Direktor des Instituts für Klinische Chemie und Pharmakologie der
Universität Bonn
Telefon: 0228/287-16080
E-Mail: gunther.hartmann@ukb.uni-bonn.de

PD Dr. Robert Besch
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der LMU München
Tel.: +49-(0)89-5160-6365
E-Mail: robert.besch@med.uni-muenchen.de