Zu wenig Hilfsangebote für Frauen in Not
Kongress über Konfliktsituationen rund um Schwangerschaft und Geburt




Unter dem Motto „Frauen-Leid und Frauen-Stärkung“ veranstaltet die Gynäkologische Psychosomatik des Universitätsklinikums Bonn einen Kongress über extreme Belastungen, denen Frauen in Krisensituationen wie Totgeburt, ungewollter Schwangerschaft, unerfülltem Kinderwunsch und in vielen anderen Lebenssituationen ausgesetzt sein können. Am 19. und 20. Juni berichten Expertinnen in der Universitätsfrauenklinik über ihre tägliche Arbeit mit betroffenen Frauen. Ziel ist, sie auf ihre Stärken und Selbstheilungskräfte zurückzuführen. Doch gibt es viel zu wenige Anlaufstellen.

Ihr Telefon steht selten still: „Pro Woche bekomme ich dutzende Anfragen, allein von Frauen mit Wochenbettdepression oder spät erkannter Schwangerschaft “, sagt Prof. Dr. Anke Rohde. Seit der Gründung 1997 leitet sie die Abteilung für Gynäkologische Psychosomatik an der Bonner Universitätsfrauenklinik und kümmert sich um Patientinnen, die in verschiedensten extremen Lebenslagen mit Ängsten und anderen psychischen Symptomen konfrontiert werden; Scham- und Schuldgefühle sind oft Begleitsymptome. „Solche Frauen fallen nicht selten durch alle Raster der psychiatrischen und psychotherapeutischen Regelversorgung“, weiß Prof. Rohde. „Denn solche Angebote sind meist zu wenig auf die Bedürfnisse dieser Frauen abgestimmt. Die oftmals lange Wartezeit belastet sie zusätzlich.“

Viele Frauen suchen Hilfe und finden keine

Eine Frau wird im Rahmen der vorgeburtlichen Diagnostik mit einer schlimmen Diagnose konfrontiert. Sie muss sich entscheiden, ob sie direkt abtreibt oder das voraussichtlich nicht lebensfähige Kind austrägt. In dieser Akutsituation braucht sie schnell eine kurze Krisenintervention, wie sie mit ihrer Trauer umgehen und zu einer für sie tragbaren Entscheidung kommen kann. Ein solches Angebot gibt es zwar am Universitätsklinikum Bonn, seit vor über zehn Jahren im Rahmen des Projektes „Beratung bei Pränataldiagnostik“ die Beratungsstelle EVA der Diakonie Bonn etabliert werden konnte. Für viele andere Problembereiche aber gibt es jedoch kaum Angebote. „Eine ausgeprägte Reaktion auf beispielsweise den Verlust eines Kindes ist durchaus angemessen. Doch finden diese Frauen in den ersten schwierigen Wochen kaum die niederschwellige Hilfe, die sie brauchen – dabei reicht meist eine geringe Anzahl problemorientierter Gespräche, um langfristige psychische Folgen zu verhindern“, betont Prof. Rohde.

Nicht jede Frau ist erreichbar

Ganz anders kann der Sachverhalt im Fall einer verdrängten Schwangerschaft liegen. Ein relativ aktuelles Beispiel ist die Studentin, deren zwei neugeborene Jungen in Siegen und Bonn tot aufgefunden wurden. In dem Gerichtsprozess attestierte Prof. Rohde als Gutachterin der 32-jährigen Angeklagten negierte Schwangerschaften. In einem solchen Fall schiebt die werdende Mutter ihre Schwangerschaft beiseite und weicht der Suche nach Lösungen für den Konflikt aus. Die Frauen sind passiv und suchen somit auch nicht aktiv Hilfe. Meist gehen sie stromlinienförmig problemlos durch ihr Leben und funktionieren nach außen. „Es wird immer wieder tragische Fälle geben, die man auch mit dem 2014 gesetzlich geregelten Angebot der ‚vertraulichen Geburt‘ nicht verhindern kann. Denn die in der Persönlichkeit begründete Problematik der Frauen ist auch für die vertrautesten Personen vorher nicht erkennbar“, sagt Prof. Rohde. „Sie können Hilfe nicht annehmen. Man kann sie nicht erreichen.“

Die Tagung „Frauen-Leid und Frauen-Stärkung“ ist zugleich das Abschiedssymposium für Prof. Rohde, die jetzt nach 18 Jahren aus der klinischen Tätigkeit am Bonner Universitätsklinikum ausscheidet und in den vorzeitigen Ruhestand tritt. Ihr persönliches Fazit nach über dreißig Jahren währender Beschäftigung mit frauenspezifischen Störungen und Problembereichen: „Zu jedem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun und Frauen in ihren besonderen Krisensituationen zu unterstützen.“

Weitere Informationen zur Tagung: www.gynpsy.net

Das Buch zur Tagung: „Frauen-Leid und Frauen-Stärkung“, Herausgeber Anke Rohde, Psychiatrie Verlag, ISBN 978-3-88414-626-2

Kontakt für die Medien:

Prof. Dr. Anke Rohde
Leiterin der Gynäkologischen Psychosomatik
Zentrum für Geburtshilfe und Frauenheilkunde am Universitätsklinikum Bonn
Telefon: 0228/287-14737
E-Mail: anke.rohde@ukb.uni-bonn.de

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