88 Jahre alt und aktuell
Der Gysi-Trubyte-Artikulator von 1926 ist das aktuelle Objekt aus Museen und Sammlungen




Zur Herstellung von Zahnprothesen und Kronen braucht der Zahntechniker seit jeher ein Hilfsmittel, das Kieferbewegungen des Patienten simuliert. Vor 88 Jahren wurde der Gysi-Trubyte-Artikulator entwickelt. Seit 1926 ist er bis heute aufgrund von Leichtbau und Variabilität auf dem Stand der Technik. „Der Trubyte“ ist das aktuelle Objekt aus den Museen und Sammlungen der Universität Bonn.


Das aktuelle Objekt der Gustav-Korkhaus-Sammlung im Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universität Bonn ist der Gysi-Trubyte-Artikulator, ein Gerät, das unter anderem zur Herstellung von Zahnprothesen und Kronen dient. „Der Gysi-Trubyte wurde im Jahr 1926 vom Schweizer Zahnmediziner Alfred Gysi (1865-1957) entwickelt, könnte aber noch heutzutage ohne Weiteres angewandt werden. Er hat einen besonderen Stellenwert in der Sammlung, denn er war damals äußerst innovativ“, erklärt der Leiter der Sammlung, Privatdozent Dr. Ernst-Heinrich Helfgen.

Simulation der Kaubewegungen

Artikulatoren simulieren die Kaubewegungen eines Patienten. Von ihm werden Ober- und Unterkieferabdrücke genommen, dann werden damit Gipsmodelle der Zahnbögen angefertigt, die in den Artikulator eingespannt werden. Mit einem Gesichtsbogen misst der Arzt dann am Patienten die Winkelwerte der drei verschiedenen Bewegungen, zu denen das Kiefergelenk fähig ist. Diese individuellen Werte werden auf den Artikulator übertragen. So kann der Hersteller einer Krone oder Vollprothese Kieferbewegungen exakt simulieren. „Mit dem Gysi-Trubyte kann der Zahnersatz exakt in das Kausystem des Patienten integriert werden. So kommt es später nicht zu Komplikationen beim Kauen“, so Helfgen.
Erste Patente für Artikulatoren wurden in den USA Mitte des 19. Jahrhunderts ausgegeben. Viele dieser Geräte ermöglichten allerdings nur eine simple Auf-Zu-Bewegung mittels eines Scharniers. Gysis Entwicklung ist ein vollverstellbarer Artikulator: Alle drei Bewegungswinkel, die beim Patienten gemessen werden, können auch auf den Artikulator übertragen werden. Das ist zum Beispiel bei Mittelwertartikulatoren, die heute noch eingesetzt werden, nicht der Fall. Diese Artikulatoren haben nicht verstellbare, gemittelte Winkelwerte, die aus repräsentativen Messungen von ein- bis zweitausend Personen hervorgehen. Helfgen: „Die Mittelwertartikulatoren sind leichter zu handhaben, da weniger eingestellt und gemessen werden muss. Mit vollverstellbaren Artikulatoren wie dem Gysi-Trubyte lassen sich wesentlich präzisere Ergebnisse erreichen.“

Von Beginn an besteht der Gysi-Trubyte aus Aluminium

Der Trubyte hatte im Vergleich mit anderen Geräten seiner Zeit einen weiteren Vorteil, beschreibt der heutige Leiter der Sammlung, Dr. Ernst-Heinrich Helfgen: „Er besteht vollständig aus Aluminium und war wesentlich leichter als andere Entwicklungen, die weiterhin aus schwereren Metallen wie Messing gefertigt wurden. Durch ein geringes Gewicht kann der Benutzer die Bewegungen des Artikulators leichter ausführen, das ist vorteilhaft für die Handhabung.“ Heute, viele Jahrzehnte nach der Entwicklung des Gysi-Trubyte, sind Artikulatoren wieder aus leichtem Material, zum Beispiel Aluminium oder Kunststoff.
Helfgen ist der Meinung, dass dem Gysi-Trubyte nie die Aufmerksamkeit zukam, die er verdient hat. „Der Trubyte war sehr innovativ. Aber es gab damals sehr viele verschiedene Artikulatoren. Nahezu jeder Hochschullehrer, der etwas auf sich hielt, entwickelte ein eigenes Modell. Außerdem wurden in Kriegs- und Nachkriegsjahren Geräte mit einfachem Aufbau benötigt; Gysis Artikulator war also nicht sehr gefragt.“ Das hatte zur Folge, dass noch lange Zeit Artikulatoren entstanden, die von schlechterer Qualität waren als der Trubyte.

Gustav Korkhaus übernahm den Gysi-Trubyte in die Wissenschaftliche Sammlung

Das aktuelle Objekt wurde vom Bonner Zahnmediziner und Professor Gustav Korkhaus in die Sammlung integriert, die er 1960 gründete. Korkhaus war von 1946 bis 1966 Direktor der Bonner Universitätszahnklinik, er trieb den Wiederaufbau nach dem Krieg entscheidend voran. Als Arzt arbeitete er selbst mit dem Modell Gysi-Trubyte.

Die Sammlung bietet sowohl Studierenden als auch Besuchern einen Einblick in die Geschichte der Zahnmedizin, darunter auch alte Zahnarztstühle, noch ältere chirurgische Instrumente sowie verschiedene Tierschädel, welche die Evolution der Zähne veranschaulichen. Auf Anfrage bei der Gustav-Korkhaus-Sammlung sind Führungen möglich.
Der Artikulator Gysi-Trubyte wird von Dr. Ernst-Heinrich Helfgen auch im Videopodcast vorgestellt.

Kontakt:
Priv.-Doz. Dr. Ernst-Heinrich Helfgen
Gustav-Korkhaus-Sammlung
Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Universitätsklinikum Bonn
Welschnonnenstr. 17, 53111 Bonn
Tel.: 0049-228-287-22471
E-Mail: gustav-korkhaus-sammlung@ukb.uni-bonn.de

Bilder:
Der Abdruck im Zusammenhang mit der Nachricht ist kostenlos, dabei ist der angegebene Bildautor zu nennen.

Der Gys-Trubyte des Schweizer Zahnmediziners Alfred Gysi (c) Daniel Schriek
https://cams.ukb.uni-bonn.de/presse/pm-054-2014/images/Gysi-5(c)Schriek.jpg

Der Gysi-Trubyte misst die Winkelwerte von drei verschiedenen Kaubewegungen. (c) Daniel Schriek
https://cams.ukb.uni-bonn.de/presse/pm-054-2014/images/Gysi-3(c)Schriek.jpg

Klein und fein: Die Gustav-Korkhaus-Sammlung. (c)E.H.Helfgen
https://cams.ukb.uni-bonn.de/presse/pm-054-2014/images/Gustav-Korkhaus-Sammlung(c)E-H-Helfgen.jpg

Links:
Hier wird der Gysi-Trubyte im Video vorgestellt. (http://www.youtube.com/watch?v=NDmVg8qpjkQ)