Initiative für neue Kinderschutz-Leitlinie
Uni-Klinikum Bonn erarbeitet neue Kinderschutz-Leitlinie im Umgang mit Missbrauchsfällen




Ein Team der Bonner Universitäts-Kinderklinik erarbeitet bis 2017 eine neue Kinderschutz-Leitlinie für Mediziner, Pädagogen und Jugendhilfe im Umgang mit Missbrauchsfällen. Das Projekt finanziert das Bundesministerium für Gesundheit.

Am 01. Juni ist der Internationale Kindertag, über 30 Nationen nehmen daran teil. Die Rechte und den Schutz von Kindern herauszustellen ist wichtig, denn noch immer werden allein in Deutschland nach einer aktuellen Studie des BKA täglich fast 50 Kinder misshandelt oder sexuell missbraucht. Anzeichen von Misshandlung und Vernachlässigung rechtzeitig zu erkennen - diese Verantwortung obliegt nicht nur der Familie, sondern auch vielen Berufsgruppen wie Ärzten, Lehrern oder Erziehern, die täglich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Bis jetzt gibt es jedoch keine deutschlandweit gültige Leitlinie, die solchen Berufsgruppen im Umgang mit Verdachtsfällen hilft. Dr. Ingo Franke und sein interdisziplinäres Team von der Klinik und Poliklinik für Allgemeine Pädiatrie am Zentrum für Kinderheilkunde des Universitätsklinikums Bonn (UKB) möchten das ändern.

Als Gründer der lokalen Kinderschutzgruppe am UKB hat Dr. Franke schon viel Erfahrung in diesem Bereich. Heute ist er geschäftsführender Vorstand der Wissenschaftlichen „Arbeitsgemeinschaft Kinderschutz in der Medizin“. Als Leitlinien-Koordinator erarbeitet Franke nun mit seinem vierköpfigen Team am Universitätsklinikum Methodik und Inhalte einer neuen Kinderschutz-Leitlinie, die 2017 erscheinen soll. „Geplant sind derzeit fünf verschiedene Versionen: Lang- und Kurzfassungen für Mediziner sowie für die Jugendhilfe, die Pädagogik und die betroffenen Patienten“, erklärt Franke. Rechtlich bindend ist die Leitlinie dann allerdings nicht. „Wir schreiben keine Gesetze, wir geben Handlungsempfehlungen. Die Leitlinie soll allen beteiligten Berufsgruppen Hilfestellung im Alltag sein und ihnen Sicherheit beim verantwortungsvollen Umgang mit möglichen Betroffenen bieten.“

Seit 2011 bestand bereits von Seiten der Bundesregierung der Wunsch, eine S3-Leitlinie zu diesem Thema zu erarbeiten, also eine Leitlinie auf wissenschaftlich-medizinisch höchstem Niveau. Insgesamt 74 Fachgesellschaften und Organisationen verschiedenster Versorgungsbereiche beteiligen sich nun an diesem außergewöhnlichen Projekt. Dazu zählen neben den medizinischen und nicht-medizinischen Fachgesellschaften auch die Bundesministerien für Gesundheit, Bildung und Forschung, der Justiz und für Verbraucherschutz sowie für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Unterstützung geben auch die Bundesbeauftragte für Drogen, der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs und die Bundesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit. Eine Auflistung sämtlicher Beteiligter ist auf der Homepage der Kinderschutzleitlinie einzusehen.

Finanziert wird das Projekt durch das Bundesgesundheitsministerium. Aktuell stellt das Ministerium 830.000 Euro bis 2017 zur Verfügung. Franke rechnet nach Abschluss der AWMF-Leitlinie auch international mit großer Resonanz. „Wir haben durch unsere Recherche festgestellt, dass weltweit auf diesem Gebiet noch ein großes Defizit herrscht. In England wird derzeit an einer Leitlinie mit ähnlicher Zielsetzung gearbeitet. Ich denke, dass wir hier durch enge Kooperationen auch Synergien schaffen können.“

Die erste konstituierende Sitzung mit allen Fachgesellschaften hat bereits stattgefunden. In einem nächsten Schritt werden nun bei allen Gesellschaften Fallbeispiele abgefragt. 63 Fragen sollen Auskunft geben über Problemstellungen und Herausforderungen im Umgang mit Misshandlungs- und Missbrauchsopfern. Auf Grundlage von ca. 2100 Fallbeispielen entwickelt das Team 30 exemplarische „Kinderschutzfälle“, die die Basis der Handlungsempfehlungen darstellen. Ein weiterer Nebeneffekt des Projektes: Die Untersuchung wird aufzeigen, in welchen Bereichen  noch unzureichende Wissensstände vorliegen. Dr. Franke sieht hier die Möglichkeit zu Folgeprojekten, um solche Forschungslücken künftig zu schließen.

Kontakt:

Dr. Ingo Franke
Klinik und Poliklinik für Allgemeine Pädiatrie
Zentrum für Kinderheilkunde
Telefon: 0228/287-33242
E-Mail:
s3leitlinie-kinderschutz@uni-bonn.de
Web:
www.kinderschutzleitlinie.de
Web:
www.awmf.org/leitlinien/detail/anmeldung/1/ll/027-069.html