Urteil gegen Mutter von Findelkind Paul:
Gerichtsgutachterin Prof. Dr. Anke Rohde vom Universitätsklinikum Bonn hält Psychotherapie für wichtiger als Haft.




Die Mutter von Baby Paul, das im vergangenen Sommer ausgesetzt und von Jugendlichen gefunden wurde, ist heute wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden. Die Strafe von einem Jahr und neun Monaten wird zur Bewährung ausgesetzt.


Das Landgericht Bonn hat das Urteil gegen die Mutter von Baby Paul gesprochen. Prof. Dr. Anke Rohde, Leiterin der Gynäkologischen Psychosomatik am Universitätsklinikum Bonn, agierte in diesem Fall als Gerichtsgutachterin und sprach mehrfach mit der jungen Frau. „Frauen in solchen Situationen sind oftmals nicht psychisch krank im engeren Sinne, haben aber durchaus eine Persönlichkeitsproblematik, gegebenenfalls auch Defizite in der Entwicklung und Reife. Sie sind nicht in der Lage, konstruktiv nach Lösungen für ihre Probleme zu suchen. Nur eine Psychotherapie kann die Frauen bei diesem Reifeprozess unterstützen und ist daher viel wichtiger und sinnvoller als eine Haftstrafe“, so Rohde nach der Urteilsverkündung. Im Übrigen können Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten betroffen sein. „Die Täterinnen kommen mitnichten immer aus zerrütteten Verhältnissen. Im Gegenteil ist die vermeintliche Bedrohung von außen durch Eltern oder Partner oft nicht real, sondern entspringt einer irrealen Angst der Frau.“

Das Urteil beinhaltet unter anderem die Auflage, sich einer Psychotherapie zu unterziehen. Über den Abschluss dieser Therapie wird eine psychiatrische Gutachterin urteilen.

Prof. Rohde hat immer wieder mit solchen Fällen zu tun. Die Lebenssituation der betroffenen Mütter mag sehr unterschiedlich sein, gemeinsam sind den Frauen aber Schwierigkeiten bei der Problemlösung. „Was anderen Menschen so einfach vorkommt – bei ungewollter Schwangerschaft zur Beratungsstelle gehen, einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen, das Kind zur Adoption freigeben, das eigene Leben auf das Kind einstellen – wissen betroffene Frauen theoretisch, können es aber nicht umsetzen“, so Rohde. Hilfe bekämen betroffene Frauen nur, wenn die Umgebung irgendwann merkt, dass eine Schwangerschaft besteht.

Die jetzt verurteilte Studentin war nach der Geburt stundenlang mit dem Baby im Rucksack durch Bonn gefahren auf der Suche nach einer geeigneten Ablagestelle. Sie legte es schließlich unter ein Gebüsch, wo es durch Zufall von drei Jugendlichen gerettet wurde. Die Erstversorgung fand damals in der Kinderklinik des Universitätsklinikums Bonn statt. Dort erhielt das Baby auch den Namen Paul.

Seit dem 1. Mai 2014 gibt es das Gesetz zur „Vertraulichen Geburt“. Dies regelt wie Frauen ohne Preisgabe ihrer Identität ihr Kind in einer Klinik zur Welt bringen können. Auch die Kooperation des Universitätsklinikums Bonn mit den „Frühen Hilfen Bonn“ hat zum Ziel, Eltern schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt – idealerweise in der Schwangerschaft – zu erreichen und mögliche individuelle Hilfen einzuleiten. Das Netzwerk bringt über 40 relevante Einrichtungen des Gesundheitswesens, der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Sozialsysteme im Sinne des Kindes- und Familienwohls zusammen.

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Kontakt:
Prof. Dr. Anke Rohde
Telefon: 0228/287-14737
E-Mail: anke.rohde@ukb.uni-bonn.de