Von außen Migräne abschalten
Bonner Uni-Klinikum bietet jetzt neue nicht-invasive Elektro-Therapie bei extremen Kopfschmerzen an




Ohne Medikamente oder operativen Eingriff frei von quälenden Kopfschmerzen: Mit einem handlichen Gerät kann der Betroffene sich selbst am Hals den Vagusnerv von außen mit einem schwachen Stromimpuls stimulieren. Dieses ganz junge Verfahren bietet jetzt das Universitätsklinikum Bonn bei starker Migräne und extremen Clusterkopfschmerzen an. Bei bisher acht Patienten haben die Neurochirurgen sehr gute Erfahrungen gesammelt.


Migräne und Clusterkopfschmerzen sind bestimmte, in Attacken auftretende Kopfschmerzen, die mehrere Stunden oder auch Tage andauern können. Die Einschränkung der Lebensqualität ist für die Betroffenen erheblich. Mittel der Wahl sind trotz starker Nebenwirkungen meist Medikamente. Eine andere Option ist unter anderem die Vagusnerv-Stimulation, die bisher jedoch nur mit einer Implantation von Elektroden möglich war. „Der Vorteil der neuen nicht-invasiven Therapie für den Patienten ist, dass ohne Nebenwirkungen und Risiko die gleiche Wirkung wie mit Medikamenten erzielt werden kann“, sagt Dr. Thomas Kinfe, Leiter der Abteilung Funktionelle Neurochirurgie und Neuromodulation am Universitätsklinikum Bonn.

Nur ein leichtes Kribbeln am Hals

Nach einer ambulanten Einweisung kann der Patient den handlichen Elektrostimulator selbst zu Hause zweimal am Tag und bei Bedarf über einen Zeitraum von bis zu sechs Wochen einsetzen. Dabei sendet er etwa 120 Sekunden lang von außen schwache Stromimpulse an den Vagusnerv, der am Hals direkt unter der Haut verläuft. „Dabei ist allein ein leichtes Kribbeln am Hals spürbar“, sagt Oberarzt Kinfe.

Im Rahmen von Studien sind weltweit bisher etwa 90 Patienten – davon acht am Bonner Universitätsklinikum – mit diesem sehr jungen Verfahren behandelt worden. Die Erfahrungen sind gut, so spricht etwa jeder Zweite bis Dritte auf die Therapie an – eine ähnliche Rate zeigen auch Medikamente. Auch ist die Wirksamkeit vergleichbar mit der von implantierten Systemen –und das ohne Operation und stationären Krankenhausaufenthalt. Zudem sind bisher keine nennenswerten Nebenwirkungen aufgetreten.

Fährt den Kopfschmerz-Motor runter

Zwar ist noch nicht vollständig geklärt, warum die Vagusnervstimulation einen reduzierenden Effekt bei Kopfschmerzen hat. Doch trifft der Nerv im Gehirn auf den sogenannten Trigeminuskern, der als Motor der Kopfschmerzen gilt. Den Strom, der am Hals appliziert wird, leitet der Vagusnerv eben zu diesem Kern. Dieser Impuls unterdrückt Botenstoffe, die die Kopfschmerzen ansonsten aufrechterhalten. „Der Level an Botenstoffen ändert sich zu Gunsten der Kopfschmerz lindernden Substanzen“, erklärt Oberarzt Kinfe.

Ähnlich wirkt vermutlich auch die Stimulation der Nerven des Hinterkopfes, der sogenannten Occipitalis-Nerven. Dieses minimal-invasive Verfahren wird ebenfalls am Universitätsklinikum Bonn als spezialisiertes Kopfschmerz-Zentrum angeboten. „So ist unser Profil jetzt komplett. Denn beide Formen der Neuromodulation ergänzen sich, und wir können die meisten Betroffenen behandeln – ungeachtet ob es sich um Migräne oder Clusterkopfschmerzen handelt“, betont Oberarzt Kinfe.

Nicht-operativ – die Option der Zukunft?

„Die nicht-invasive Vagusnerv-Stimulation bei Kopfschmerzen ist ganz sicher als die neueste Einwicklung in der Neuromodulation zu sehen“, sagt Dr.Kinfe. Sie habe bereits innerhalb eines Jahres, nachdem sie ins Leben gerufen wurde, rasante Fortschritte gemacht. Auch prognostiziert er den allgemeinen Trend hin zu einer minimal-invasiven oder nicht-invasiven Stimulations-Form beispielsweise bei der Behandlung von anderen Schmerzsyndromen, Parkinson oder Tremor: „Sie werden technisch so ausgereift sein, dass sie die gleiche Menge Strom an die neuronalen Strukturen bringen und denselben Effekt erzielen wie bei der operativen Variante.“

Die Bonner Neurochirurgische Universitätsklinik bietet eine Spezialsprechstunde für Kopfschmerz-Patienten an, um dort abzuklären, ob die neue nicht-invasive Vagusnerv-Stimulation (VNS) oder die Occipitalis-Nervenstimulation (ONS) eine mögliche Behandlungs-Option ist. Eine Terminvereinbarung ist unter der Telefonnummer 0228/287-16508 möglich.

Hier geht es zum Video der Unternehmenskommunikation am Bonner Universitätsklinikum „Nicht-invasive Therapie bei Kopfschmerzen – Vagusnervstimulation“: http://youtu.be/y_76joJ4A4M

Kontakt:

Dr. Thomas M. Kinfe
Leiter Funktionelle Neurochirurgie, Stereotaxie und Neuromodulation
Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Bonn
Telefon: 0228/287-13812 oder -16518
E-Mail: Thomas.Kinfe@ukb.uni-bonn.de

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