Neue „Alzheimer-Gene“ entdeckt
Forscher hoffen auf besseres Verständnis der Krankheitsmechanismen




Ein internationales Forscherteam unter Federführung der Universität Cardiff hat zwei neue Gene entdeckt, die das Alzheimer-Risiko deutlich erhöhen. An der Studie waren auch Wissenschaftler der Universität Bonn beteiligt. Die Ergebnisse erscheinen in der kommenden Ausgabe von Nature Genetics. Die Forscher hoffen nun besser verstehen zu können, welche Mechanismen zur Entstehung einer Alzheimer-Demenz beitragen.


80 Prozent des Risikos für eine Alzheimer-Erkrankung wird genetischen Einflussfaktoren zugeschrieben. Bisher kennt man allerdings nur eine einzige Erbanlage, die dabei mit Sicherheit eine wichtige Rolle spielt: das vor zwanzig Jahren entdeckte Gen für Apolipoprotein E, dessen Variante ApoE 4 die Erkrankungswahrscheinlichkeit um das zwei- bis vierfache erhöht. Das Gen für ApoE erklärt aber nur einen kleinen Teil der gesamten genetischen Risikos. Es muss also noch mehrere weitere Krankheitsgene geben. Weltweit suchen Forscher daher fieberhaft nach weiteren Erbanlagen – bislang ohne Erfolg: „Zwar gab es viele hoffnungsvolle Kandidaten“, sagt Professor Dr. Markus Nöthen von der Universität Bonn. „Bei keinem von ihnen konnte man den Zusammenhang zur Alzheimer-Demenz aber eindeutig nachweisen.“

Jetzt könnten zwei große internationale Forscherteams unabhängig voneinander einen Treffer gelandet haben: Demnach beeinflussen zwei neue Genorte mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit das Risiko für die spät beginnende Alzheimer-Erkrankung. Das berichten die Wissenschaftler in getrennten Publikationen in „Nature Genetics“. Die Gene für Clustrin („Clu“, auch Apolipoprotein J genannt) und für das so genannte CR 1 spielen eine wichtige Rolle im Abtransport von Amyloid-beta. Dieser toxische Eiweißstoff ist der wichtigste Bestandteil jener Plaques, die das Gehirn von Patienten mit der Alzheimer Erkrankung zerstören. Clustrin ist zudem auch selbst Bestandteil dieser Plaques.

Studien mit jeweils 10.000 Personen

An beiden Studien nahmen jeweils mehr als 10.000 Personen teil – sowohl Erkrankte als auch Gesunde. „Das sind die größten bisher analysierten Stichproben“, erklärt Nöthens Kollege Professor Dr. Wolfgang Maier. „Derartige Großstudien sind nur in internationalen Konsortien von Klinikern, Humangenetikern und Biometrikern machbar.“ In beiden Studien erfolgte die Suche im gesamten menschlichen Genom. Dass die Untersuchungen völlig unabhängig voneinander durchgeführt wurden, verleiht den Resultaten zusätzliches Gewicht.

An einer der Untersuchungen unter Federführung der Universität Cardiff, England, waren auch deutsche Arbeitsgruppen beteiligt: das vom Bundesforschungsministerium geförderte Kompetenznetz Demenzen (mit den Standorten in Bonn, Erlangen, Essen, Freiburg, Hamburg, Mannheim, München), die Heinz-Nixdorf-Kohorte in Essen sowie die psychiatrische Uniklinik Bonn mit klinischen Patientenstichproben.

Die spät beginnende Alzheimer-Krankheit betrifft heute allein in Deutschland etwa eine Million Menschen. Die Demenzerkrankung führt zur fortschreitenden Pflegebedürftigkeit. Die Anzahl Betroffener wird mit steigender Lebenserwartung in naher Zukunft stark zunehmen. Eine wirkliche Therapie der Alzheimer-Krankheit gibt es bisher nicht, da man die Ursachen nicht genau kennt. Die aktuellen Behandlungsstrategien können den Krankheitsverlauf lediglich verzögern. „Aus den jetzt publizierten Ergebnissen ergeben sich neue potenzielle Anhaltspunkte für kausale Therapien“, betont Professor Maier. „Angesichts der enormen Bedeutung dieser Erkrankung sind derartige Fortschritte extrem wichtig.“

Harold D. et al.: Genome-wide association study identifies variants at CLU and PICALM associated with Alzheimer´s disease; advance online publication, doi: 10.1038/ng.440, 2009, 6 September 2009, Nature Genetics

Amouyel P. et al., Genome-wide association study identifies variants at CLU and CR1 associated with Alzheimer´s disease, advance online publication, doi: 10.1038/ng439, 6 September 2009, Nature Genetics


Kontakt:
Professor Dr. Wolfgang Maier
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinikum Bonn
Telefon: 0228/287-15723 oder -15722
E-Mail: wolfgang.maier@ukb.uni-bonn.de

Professor Dr. Markus Nöthen
Institut für Humangenetik, Universität Bonn
Telefon: 0228/287-22347
E-Mail: markus.noethen@uni-bonn.de