Vorsorge ist effektiver als Heilen
Forscher trommeln in einem neuen Buch für einen Paradigmenwechsel in der Medizin




Die medizinische Forschung richtet ihr Augenmerk inzwischen verstärkt auf Faktoren, die das Risiko für bestimmte Erkrankungen erhöhen. Ziel dieser „prädiktiven Medizin“ ist es, rechtzeitig einzuschreiten, bevor sich die ersten (womöglich irreversiblen) Symptome einstellen. Denn auf molekularer Ebene lassen kündigen sich Krankheiten wie Krebs oder Diabetes oft schon Jahre vorher an. Eine Medizinerin der Universität Bonn hat nun ein Buch herausgegeben, das den Forschungsstand auf diesem Gebiet zusammenfasst. Anliegen des bislang wohl umfangreichsten Werks zu diesem Thema ist es auch, für einen Paradigmenwechsel zu werben. Denn so viel versprechend die Ergebnisse zum Teil sind, so selten schaffen sie bislang den Sprung in die klinische Diagnostik.


Olga Golubnitschaja ist in Kampfeslaune: „Es kann nicht sein, dass viel versprechende Forschungsergebnisse in den Schubladen verstauben, ohne dass sie den Patienten zu Gute kommen.“ Die Professorin am Universitätsklinikum Bonn und Herausgeberin des Buchs „Predictive Diagnostics and Personalized Treatment“ weiß, wovon sie redet: Ihre Publikationsliste umfasst mehr als 100 Artikel auf dem Gebiet der prädiktiven Medizin. Unter anderem hält sie das Patent auf einen Test, mit dem Diabetiker feststellen können, ob sie ein erhöhtes Risiko für ein bestimmtes Augenleiden haben.

Jedes Jahr erblinden rund 6.000 Patienten im Zuge dieser so genannten „Retinopathie“. Das Netzhautleiden gilt auch als Warnsignal für Diabetes-bedingte Herz-Kreislauf-Erkrankungen – gefürchtete Spätfolge: Herzinfarkt. Ein Lizenznehmer hat sich bislang dennoch nicht gefunden. „Wohl auch deshalb, weil sich mit der Behandlung von Krankheiten weitaus mehr Geld verdienen lässt als mit ihrer Diagnose“, vermutet die Medizinerin. Der Test wird in der klinischen Praxis daher noch nicht eingesetzt.

Das stört nicht nur die streitbare Medizinerin: Kürzlich hat sich in Brüssel die „European Association for Predictive, Preventive & Personalised Medicine“ gegründet. Olga Golubnitschaja ist Generalsekretärin der Organisation, die unter Einbindung von Krankenkassen, Politik und Pharmaindustrie für einen Paradigmenwechsel wirbt: Weg von der oft teuren und ineffizienten Behandlung der Symptome, hin zu ihrer Vermeidung. Denn wer weiß, dass er ein erhöhtes Risiko für eine bestimmte Krankheit trägt, kann gegensteuern: Beispielsweise durch eine Umstellung der Ernährung, durch angemessene Bewegung, durch gezielte ärztliche Untersuchungen. Oder auch durch eine prophylaktische Behandlung.

Das Buch „Predictive Diagnostics and Personalized Treatment“ dokumentiert, wie weit die Forschung auf diesem Gebiet zum Teil schon gediehen ist. Artikel zur Patentierung diagnostischer Methoden, zu ökonomischen Aspekten eines derartigen Paradigmenwechsels und zum Wissenstransfer zeigen aber auch, mit welchen Schwierigkeiten diese Disziplin noch zu kämpfen hat.

Predicitive Diagnostics and Personalized Treatment – Dream or Reality. Herausgegeben von Prof. Dr. Olga Golubnitschaja. Nova Science Publishers, New York (USA), 2009

Kontakt:
Professor Dr. Olga Golubnitschaja
Radiologische Klinik des Universitätsklinikums Bonn
(Kliniksdirektor Prof. Dr. H. Schild)
Telefon: 0228/287-1-5982
E-Mail: olga.golubnitschaja@ukb.uni-bonn.de