Über Palliativmedizin




Die folgenden Informationen sind aus dem Lehrbuch für Palliativmedizin (Hrsg. Aulbert E, Nauck F, Radbruch L, Schattauer Verlag, 2. Auflage 2003) gekürzt entnommen.


Was ist Palliativmedizin?

Palliativmedizin umhüllt und schützt den Patienten (lat. pallium = Mantel). In der palliativmedizinischen Versorgung soll eine möglichst hohe Funktionsfähigkeit und Lebenszufriedenheit des Patienten erhalten werden, wenn keine Heilung mehr möglich ist. Das Konzept wurde ursprünglich für Patienten mit Tumorerkrankungen entwickelt, gilt aber auch für jede andere Erkrankung, die progredient und irreversibel zum Tode führt.
Die Palliativmedizin bejaht das Leben und sieht das Sterben als einen normalen Prozess an. Sie will den Tod weder beschleunigen noch hinauszögern, sondern stellt die Linderung von Schmerzen und anderen Beschwerden in den Vordergrund, integriert die psychischen und spirituellen Bedürfnisse und bietet ein System der Unterstützung an, damit das Leben der Patienten bis zum Tod so aktiv wie möglich sein kann. Die Palliativmedizin bietet der Familie während der Erkrankung des Patienten und in der Trauerphase Unterstützung an.


Grundsätze der Palliativmedizin
  • Behandlung von Patienten in verschiedenen Umgebungen (ambulant, stationär, Pflegeheim etc.) mit einem »high-person, low-technology«-Ansatz
  • effektive Betreuung auch zu Hause
  • multidisziplinäres Team, individuelle Behandlung jedes Patienten und Koordination des Teams urch das im Einzelfall zuständige Teammitglied
  • Symptomkontrolle und vor allem Schmerzbehandlung durch Spezialisten
  • ausgebildete und erfahrene Pflegekräfte
  • Integration von ehrenamtlichen Mitarbeitern
  • leicht zugängliche zentrale Koordinationsstelle für das palliativmedizinische Team
  • Verpflichtung zur kontinuierlichen Betreuung des Patienten und seiner Angehörigen, Unterstützung der Hinterbliebenen nach dem Tod des Patienten
  • Forschung, systematische Dokumentation und statistische Ausarbeitung der Behandlungsergebnisse
  • Unterricht und Ausbildung von Ärzten, Pflegepersonal, Sozialarbeitern und Seelsorgern


Definition der Palliativmedizin

Von der Weltgesundheitsorganisation wird Palliativmedizin wie folgt definiert:
»Palliativmedizin ist die aktive, ganzheitliche Behandlung von Patienten mit einer progredienten, weit fortgeschrittenen Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung zu der Zeit, in der die Erkrankung nicht mehr auf eine kurative Behandlung anspricht und die Beherrschung von Schmerzen, anderen Krankheitsbeschwerden, psychologischen, sozialen und spirituellen Problemen höchste Priorität besitzt.«
Die Weltgesundheitsorganisation hat die Definition der Palliativmedizin 2002 geändert und erweitert, sodass Palliativmedizin nach dieser Definition auch früher im Krankheitsverlauf eingesetzt werden kann:
»Palliative Care ist ein Ansatz, mit dem die Lebensqualität der Patienten und ihrer Familien verbessert werden soll, wenn sie mit einer lebensbedrohlichen Krankheit und den damit verbundenen Problemen konfrontiert sind. Dies soll durch Vorsorge und Linderung von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen und fehlerlose Erfassung und Behandlung von Schmerzen und anderen physischen, psychosozialen und spirituellen Problemen erfolgen.«
Ähnlich wird Palliativmedizin von der European Association for Palliative Care (EAPC) definiert:
»Palliativmedizin ist die aktive und umfassende Betreuung von Patienten, deren Erkrankung nicht auf kurative Behandlung anspricht. Kontrolle von Schmerzen und anderen Symptomen sowie von sozialen, psychologischen und spirituellen Problemen hat Vorrang. Palliativmedizin ist interdisziplinär und umfasst den Patienten, die Familie und die Gesellschaft in ihrem Ansatz.
In gewissem Sinn stellt Palliativmedizin die grundlegendste Form der Versorgung dar, indem sie die Bedürfnisse der Patienten versorgt ohne Berücksichtigung des Ortes, sowohl zu Hause wie im Krankenhaus.
Palliativmedizin bejaht das Leben und akzeptiert das Sterben als normalen Prozess, sie will den Tod weder beschleunigen noch hinauszögern. Ziel ist der Erhalt der bestmöglichen Lebensqualität bis zum Tod.«


Wann beginnt Palliativmedizin?

Nach den genannten Definitionen muss sich Palliativmedizin nicht auf die letzte Lebensphase, die Terminalphase, beschränken. Viele Grundsätze der Palliativmedizin können bereits in frühen Krankheitsstadien angewandt werden, z. B. zusammen mit der kausalen Tumortherapie. Palliativmedizin kann schon in frühen Phasen der Erkrankung zur Linderung spezifischer Probleme und zur Krisenintervention erforderlich werden.
Palliativmedizin kann in unterschiedlichen organisatorischen Rahmen umgesetzt werden. Optimale Ergebnisse setzen ein multidisziplinäres Team voraus, zu dem neben Ärzten und Pflegepersonal auch Sozialarbeiter, Psychologen, Seelsorger, Physiotherapeuten und Krankengymnasten gehören. Organisationsformen lassen sich sowohl im stationären wie im ambulanten Bereich finden.
Unabhängig davon bleibt aber zu fordern, dass jeder in der Medizin Tätige Grundkenntnisse in der Palliativmedizin erwirbt. Dieses langfristige Ziel ist nur durch die Integration der Palliativmedizin in die ärztliche und krankenpflegerische Ausbildung zu erreichen.